Und ewig lebt die Marathonlegende Autor:Dr. Karl Lennartz, Erschienen in LAUFZEIT 4/01, Seiten 32/33
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Foto: Kiefner
Mit großem Interesse habe ich den Artikel "War es Diomedon?" (LAUFZEIT 2/2001, S. 6) gelesen. Dazu aus der Sicht des Sporthistorikers einige Bemerkungen:

Ihre Erläuterung, wie es beim Marathonlauf zu der Streckenlänge von 42,195 Kilometer gekommen ist, ist nicht ganz korrekt. Der Marathonlauf bei den Olympischen Spielen 1896 in Athen fand schnell viele Nachahmer. In den Vereinigten Staaten bürgerte es sich bald ein, 25 Meilen zu laufen. Das sind 40,234 km. In Europa waren die Strecken abgerundet 40,2 oder auch nur 40 km lang. Daran orientierte sich in etwa auch der Veranstalter der Olympischen Spiele 1908 in London. Vom Eingang des Stadions in Sheperd´s Bush vermaß man eine Strecke von 25 Meilen. Die 25. Meile endete vor der Barnespool Bridge in Eton. Hier war kein geeigneter Standpunkt, bzw. dieser muss schon vorher festgestanden haben, nämlich die Ostterrasse von Schloss Windsor. Die Mitglieder der königlichen Familie hatten darum gebeten, dass die Prinzen und Prinzessinnen den Start von dort aus beobachten konnten. Die Entfernung von der oben genannten Brücke und dem Startort betrug noch einmal eine Meile, so dass es jetzt von der Ostterrasse bis zum Stadioneingang genau 26 Meilen waren. Jetzt wären die Athleten aber immer noch nicht im Stadion am Ziel der königlichen Loge gewesen, so dass noch einmal 385 Yards dazukamen. So hieß es dann auch im offiziellen Bericht der Spiele: "Komplette Strecke: 26 Meilen, 385 Yards". Aufgrund des dramatischen Ausgangs des Rennens, des Endkampfes zwischen dem Italiener Dorando Petri und dem Amerikaner John Heyes und der Disqualifikation des Italieners, der fremde Hilfe in Anspruch genommen hatte, gab es im Herbst in den USA mehrere Revancheläufe zwischen diesen beiden Athleten. Die Streckenlänge "musste" natürlich der von London entsprechen. Nach und nach bürgerte es sich ein, 42,195 km als Länge der Marathonstrecke anzusehen. Es dauerte aber noch bis Anfang der 20er Jahre, bis dieses Maß endgültig in den Regeln der IAAF festgeschrieben wurde.

Von Boten und Tageläufern

Mit gewisser Sicherheit kann man annehmen, dass nach der Schlacht von Marathon ein Botschafter nach Athen geschickt wurde, um dort den Sieg zu verkünden. Es wird aber kein bewaffneter Soldat gewesen sein, wie der griechische Schriftsteller Plutarch Anfang des zweiten Jahrhunderts n.Chr. schrieb. Ging es doch darum, eine Botschaft so schnell wie möglich zu verkünden. Warum sollte dann noch "schweres Eisen" mitgeschleppt werden? Boten oder Tageläufer gehörten in der Antike zur Armee. Sie waren so gut trainiert, dass sie, wie der Name sagt, tagelang laufen konnten. Ein solcher Bote wird auch kaum am Ziel nach etwa 35 Kilometern zusammengebrochen sein. Wäre der Läufer in Athen tatsächlich tot umgefallen, hätte sich der griechische Historiker Herodot, der wenige Jahrzehnte nach der Schlacht den Krieg mit den Persern ausführlich schilderte, ein solches Ereignis sicher nicht entgehen lassen. Neben dem oben genannten Plutarch, der seine Information von Herakleides Pontikus aus dem 4. Jahrhundert vor Christus hatte, berichtete auch der griechische Schriftsteller Lukian über das Ereignis. Bei Lukian war es aber nicht ein Krieger, sondern der Tageläufer Pheidippides, der tot zusammenbrach. Dieser kann es aber nicht gewesen sein, denn wir wissen genau, dass Pheidippides wenige Tage vor der Schlacht bei Marathon nach Sparta geschickt wurde, um dort um Hilfe zu bitten. Von Athen bis Sparta sind es 245 km. Er hätte dann diese Strecke hin und zurück, danach zum Heer nach Marathon, und schließlich wieder nach Athen laufen müssen. Bei Plutarch heißt der Krieger übrigens Thersippos oder Eukles. Plutarch ist sich nicht ganz sicher. Der Name Diomedon tauchte also gar nicht auf.

DieSuche nach dem Original

Einer Interpretation bedarf auch die Karte, die Sie aus dem sehr verdienstvollen Buch von Volker Kluge "Meilenweit bis Marathon" abdrucken. Es ist die Karte, die der (neu)griechische Historiker Ion Ioannides in den 60er Jahren veröffentlichte. Ioannides stellte fest, dass die heutige Marathonstrecke von Marathon Richtung Südwesten entlang der Küste und dann von Pikermi aus nach Westen bis Athen in der Antike nicht hätte gelaufen werden können. Die Gegend an der Küste war damals viel zu sumpfig. Ioannides experimentierte mit griechischen Eliteläufern, darunter Stylianos Kyriakides (Olympiateilnehmer 1936 und 1948 sowie Bostonsieger 1946), und fand heraus, dass es einen kürzeren und eigentlich bequemeren Weg gegeben haben muss. Vom Schlachtfeld wäre der Bote zunächst Richtung Nordwesten ins Pentelikon-Gebirge hochgelaufen bis zu einem Dionysosheiligtum (350 m über dem Meeresspiegel), von dem noch heute einige Ruinen vorhanden sind. Von dort aus führte die Strecke dann westwärts nach Athen. Sie war jetzt fast eben und fiel schließlich steil ab bis zu den heutigen Athener Vororten und dann weiter bis zum Zentrum der griechischen Metropole. Die Streckenlänge betrug nach Ioannides etwa 34 km. Sie konnte deshalb 1896 nicht mehr benutzt werden, weil die Verbindung zwischen dem Ort Marathon und dem Dionysos-Heiligtum als Weg nicht mehr bestand. Die zweite Hälfte des Weges vom Dionysos-Heiligtum bis nach Athen existiert heute noch. Im Vorfeld der Bewerbungen Athens um die Spiele 1996 gab es in Athen Bestrebungen, diese Strecke wieder herzustellen und auf ihr den Marathonlauf durchzuführen. Ich habe selbst 1989 mit der Witwe von Ioannides darüber diskutiert. Sie verstand meine Argumentation nicht, dass sich längst auf der Strecke von 1896, die bis heute jährlich gelaufen wird, eine neue und ganz andere Tradition entwickelt hat, der Marathon 42,195 km lang sein muss und bei dieser Streckenlänge für den menschlichen Körper ganz andere physiologische Vorgänge von entscheidender Bedeutung sind als bei einem Wettbewerb über 34 km, der mit den Glykogenvorräten bewältigt werden kann.

Die Altertumswissenschaft kennt zwar vier Persönlichkeiten, die Diomedon hießen, aber keiner könnte von den Lebensdaten her auch nur im Entferntesten etwas mit der Schlacht von Marathon und der Siegesbotschaft zu tun gehabt haben.

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